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Klimakrise Überleben

Intelligente Anpassungsstrategien

lateinamerikanischer Kleinbäuerinnen und Kleinbauern an den Klimawandel

Samuel Weber

nica@oeku-buero.de

Ökumenisches Büro für Frieden und Gerechtigkeit e.V

Zentralamerika ist weltweit eine der am meisten vom Klimawandel betroffenen Regionen. Organisationen wie MOVIAC (Movimiento de Víctimas y Afectados por el Cambio Climático y Corporaciones) sehen die Hauptursachen für diese Entwicklung in dem auf Wachstum und Export basierten Wirtschaftsmodell. Denn dieses hat nicht nur weltweit zu einem dramatischen Ausstoß von Treibhausgasen geführt, sondern auch dazu, dass der Anbau von Monokulturen auf Kosten des Regenwaldes in den letzten Jahren noch einmal stark zugenommen hat.

Regional-Klima schwer gestört

So ist die mittlerweile weit vorangeschrittene Abholzung mit dafür verantwortlich, dass Niederschläge schneller verdunsten, Trinkwasservorkommen versiegen, die Temperatur vor Ort ansteigt und dadurch das regionale Klima schwer gestört ist.

Existentiell betroffen von dieser Entwicklung sind vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die jedes Jahr damit rechnen müssen, ihre Ernte oder sogar ihr Leben zu verlieren – sei es durch Trockenheit, Überschwemmung oder Wirbelstürme. Für sie ist es keine Option, darauf zu warten, dass Regierungen und Konzerne auf globaler Ebene endlich effektive Maßnahmen ergreifen. Um den Klimawandel überleben zu können, sind die Menschen vor Ort gezwungen, selbst aktiv zu werden.

Hilfe durch diversifizierte Ökosysteme

In Nicaragua setzt das Movimiento Comunal Nicaragüense (MCN) zur Anpassung an den Klimawandel in erster Linie auf eine ökologische und nachhaltige Landwirtschaft. Bei diesem Ansatz handelt es sich um ein holistisches Modell, welches im Gegensatz zur industriellen Landwirtschaft darauf abzielt, diversifizierte Ökosysteme, angepasst an die lokalen Bedingungen, zu schaffen. Diese Diversifizierung ermöglicht, dass sich in den Feldern und Gärten Krankheiten und Schädlinge selbst regulieren. Verwendet werden nur natürliche Düngemittel und Pestizide. Auf genmanipuliertes oder industriell hergestelltes Saatgut wird verzichtet.

Terrassenbau

Des Weiteren werden eine Reihe von Maßnahmen durchgeführt, um die Ernte vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Zum einen werden natürliche Barrieren angelegt, um die Bodenerosion bei starken Regenfällen zu minimieren. Das Anlegen von Terrassen verbessert darüber hinaus das Einsickern des Wassers, schützt vor Überschwemmungen und erlaubt einen effektiveren Gebrauch der landwirtschaftlichen Flächen.

Produktvielfalt gefördert

Zum Schutz vor Schädlingen oder Stürmen werden um die Felder herum verschiedene Büsche oder Bäume angepflanzt. Zentral in diesem Konzept ist das Aufziehen und Anpflanzen von Bäumen. Ihr intelligenter Einsatz kann es schaffen, auf Gärten oder Feldern das Mikroklima und den Wasserhaushalt so zu regulieren, dass eine größere Vielfalt von Produkten angebaut werden kann. Ergänzt werden all diese Maßnahmen durch das Anlegen von Gärten rund um die Häuser. Dort werden verschiedenste Obst- und Gemüsesorten gepflanzt. Diese leisten einen entscheidenden Beitrag zur Ernährungssicherheit der Familien.

Überwachen des Mikroklimas

Unterstützt werden die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern durch ein kommunal organisiertes Netzwerk der Klimabeobachtung. In immer mehr Gemeinden entstehen Stationen, an welchen die Menschen selbst Daten von Temperatur, Niederschlag oder Luftdruck sammeln. Diese werden dann von einem Forschungsinstitut in der Hauptstadt Managua ausgewertet. Das ermöglicht genauere Vorhersagen über die Entwicklung des Mikroklimas. Dies hilft den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, genau zu bestimmen, an welchem Tag die Saat ausgebracht werden muss, beziehungsweise mit welchen Sorten in einem Jahr die besten Erträge zu erwarten sind.

Schutz vor Extremwetter

Im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel bringen diese Praktiken verschiedene Vorteile. Die verschiedenen Maßnahmen schützen die Feldfrüchte vor extremer Sonne, zu vielen Niederschlägen oder Stürmen. Sollte ein bestimmtes Produkt durch extreme klimatische Bedingungen oder durch Schädlinge zerstört werden, bleiben noch die Erträge vieler anderer angebauten Sorten übrig und sichern somit das Überleben der Familien. Während früher die lokalen Produzenten durch Brandrodung mitverantwortlich für die Zerstörung des Regenwaldes und der Umwelt waren, trägt deren Produktion heute maßgeblich zum Schutz und Erhalt der Böden und Wälder bei.

Wegfall globaler Lieferketten

Des Weiteren liegt der wirtschaftliche Fokus der Produktion zunächst auf der gesunden und nachhaltigen Ernährung der Familien. Überschüsse werden primär auf lokalen Märkten verkauft. Dies macht die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern unabhängig von schwankenden Weltmarktpreisen und stärkt gleichzeitig lokale Wirtschaftskreisläufe. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist die Einsparung von CO2, weil globale Transport- und Lieferketten wegfallen.

Globalen Süden verstehen lernen!

Dieses Beispiel zeigt, dass es zur Überwindung der Klimakrise wichtig ist, die Ansätze und Praktiken der Menschen im Süden kennenzulernen und diese in die politischen Forderungen hier vor Ort zu integrieren. Zwar macht es auf den ersten Blick durchaus Sinn, im Globalen Süden Naturschutzgebiete auszuweisen oder regenerative Energien zu fördern. Oftmals wirken diese Maßnahmen jedoch ausschließend und berauben die lokale Bevölkerung ihrer Lebensgrundlagen.

Das Fördern einer nachhaltigen und ökologischen kleinbäuerlichen Landwirtschaft könnte dazu beitragen, den Widerspruch zwischen dem Klima- und Umweltschutz und dem Überleben der Menschen im Globalen Süden aufzuheben.