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Großstaudämme

Konsequenzen und Schäden

Julieta Gómez Reboredo

Lateinamerika ist für seine atemberaubenden Naturlandschaften bekannt: Endlose Flüsse, riesige Gletscher, üppige Dschungel und Wälder, Feuchtgebiete und Steppen, hoch aufragende und farbenprächtige Berge und andere geografische Spektakel haben die Region gekennzeichnet. Gleichzeitig wurden diese Ressourcen als eine große Chance für lokales Kapital und vor allem für ausländische Investitionen wahrgenommen. Dieser Bereich der Plattform konzentriert sich auf die Ausbeutung von Wasserressourcen.

1. Lokalisierung

Laut der Internationalen Kommission für Großstaudämme ist Brasilien das lateinamerikanische Land mit der höchsten Anzahl an Staudämmen und nimmt die fünftgrößte Position weltweit ein. Mehr als die Hälfte der Staudämme in der Region befinden sich in diesem Land (siehe Tabelle 1). Brasilien ist nach China das zweitgrößte Land der Welt mit der größten Stromerzeugungskapazität aus Wasserkraft. Der asiatische Riese verfügt über die beiden Wasserkraftwerke mit der größtentromerzeugungskapazität, gefolgt von der Itaipu-Anlage am Paraná-Fluss an der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay. Die Frage ist: Stellen die Staudämme irgendeine Art von Fortschritt für Brasilien und/oder für die weiteren Länder der Region dar?

Tabelle 1. Länder mit der größten
Anzahl von Wasserkraftwerken in Lateinamerika

Quelle: Erstellt auf der Grundlage der World Commission on Dams (WCD), 2019.

Länder Staudäme Latinoamerika

2. Nutzen und Folgen: eine Balance ohne Gleichgewicht

Wasserkraft ist für die meisten Länder der Region – wie auch in Kolumbien – die Hauptenergiequelle. Wasserkraftwerke liefern nicht nur Strom, sondern auch Wasser für Bewässerung und Trinkwasser und ermöglichen, Überschwemmungen zu regulieren. Diese Form der Energiegewinnung ist für ihre angebliche Nachhaltigkeit und Effizienz bekannt. Lateinamerika ist die Region, die weltweit den höchsten Anteil an erneuerbarer Energie erzeugt, davon mehr als 80% aus Wasserkraftwerken. Es gibt jedoch viele Quellen, die darauf hinweisen, dass Staudämme neben diesen Vorteilen auch wichtige soziale und ökologische Auswirkungen haben, welche oft nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Hier sind einige Beispiele.

2.1 Der Fall Hidroituango in Kolumbien

Die Katastrophe durch den Einsturz des Brumadinho-Staudamms in Brasilien ist neben dem des Hidroituango-Staudamms in Kolumbien einer der öffentlichkeitswirksamsten Fälle von Klima- und Sozialkonflikten in Lateinamerika.

Die Ausbeutung des Wasserkraftwerks Hidroituango hat zu einer Verringerung des Durchflussvolumens des Cauca-Flusses geführt, was das Überleben der Gemeinden in Antioquia bedroht hat. Außerdem wurden mehr als 4.000 Hektar tropischer Trockenwald sowie das kulturelle und angestammte Erbe des Canyons zerstört, das im Zusammenhang mit dem handwerklichen Goldabbau stand.

Während paramilitärische Gruppen und nationale wie internationale Unternehmen von der Nutzung des Cauca-Flusses profitieren, warnen viele Bewohner*innen der Region und Expert*innen wie die Geologen Modesto Portilla und Julio Fierro vor den Schäden, die der Staudamm anrichtet, und vor der Verletzung der Menschenrechte der Bevölkerung. Es gibt verschiedene Vereinigungen wie Ríos Vivos und Frauen als Verteidiger*innen von Wasser und Leben (Mujeres Defensoras del Agua y la Vida - Amarú), die auch gegen die Folgen des Projektes kämpfen. Das Observatorium für Erinnerungsarbeit und Konflikte (Observatorio Memoria y Conflicto) des Nationalen Zentrums für historische Erinnerung in Kolumbien (Centro Nacional de Memoria Histórica) hat mehr als 1.000 Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen in den vom Staudamm betroffenen Gemeinden dokumentiert, wohingegen soziale Organisationen die Zahl auf fast 3.000 Menschen schätzen.

Im Oktober 2018 empfahl das lateinamerikanische Tribunal für Wasser den sofortigen Rückbau dieses Projekts, da die Bevölkerung u. a. aufgrund seismischer Bewegungen, welche nach dem Bau des Staudamms aufgetreten sind, dauerhaft Risiken ausgesetzt ist. Ebenso verhängte die kolumbianische Umweltgenehmigungsbehörde (ANLA) eine Geldstrafe in Höhe von 1,3 Millionen Euro gegen das Projekt, weil es einige Arbeiten ohne Umweltlizenzen durchgeführt hatte.

2.2 Der Fall Agua Zarca – Honduras

Das Projekt Agua Zarca begann an den Ufern des Gualcarque-Flusses, welcher von der Lenca- Gemeinschaft und der umliegenden Bevölkerung als heilig und zudem als Quelle für Wasser und Nahrung angesehen wird.

Verantwortlich für den Bau des Staudamms ist die honduranische Firma Desarrollos Energéticos S.A. (DESA), die wiederum die Installation der Turbinen an das Voith Joint Venture delegierte. Voith Joint Venture besteht aus den deutschen Unternehmen Voith Hydro mit 65% und Siemens mit 35% Beteiligung. Diese Unternehmen wurden wiederholt wegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden angeklagt.

Daraufhin hat der Bürgerrat der Volks- und Indigenenorganisationen von Honduras (COPINH) mit Unterstützung anderer lokaler und internationaler Organisationen gegen das Projekt demonstriert, was zur Ermordung von sechs Aktivist*innen führte – darunter die Generalkoordinatorin von COPINH: Berta Cáceres. Der Fall Berta Cáceres hat nicht nur einen nicht ausradierbaren Fußabdruck bei der Lenca-Gemeinschaft hinterlassen, sondern auch die Kriminalität ans Licht gebracht, die der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in Lateinamerika zugrunde liegt. In diesem Zusammenhang hat die Internationale Beratende Expertengruppe (GAIPE) die “Existenz eines kriminellen Netzwerks, bestehend aus Führungskräften und Mitarbeiter*innen der DESA-Firma, staatlichen Agent*innen und Auftragsmörder*innen” sowie die Komplizenschaft internationaler Geldgeber angeklagt.

Als Ergebnis des unermüdlichen Aktivismus lokaler und internationaler sozialer Bewegungen haben Unternehmen wie FinnFund, FMO, Siemens und Voith ihre Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Agua Zarca-Projekt eingestellt.

3. Folgen der Großstaudämme

Anhand dieser beiden Beispiele lässt sich die Vielzahl von Konflikten verdeutlichen, die um den Bau von Staudämmen und deren anschließende Bewirtschaftung bestehen. Die Erfahrungen wiederholen sich in ganz Lateinamerika und betreffen verschiedene Gemeinden, insbesondere indigene, afrostämmige und ländliche Gemeinschaften, Frauen, Kinder und Arbeiter*innen.

Im Folgenden werden die wichtigsten Folgen von Staudämmen in ganz Lateinamerika dargestellt, basierend auf Berichten und Büchern von Friends of the Earth (Amigos de la Tierra), Ríos Vivos, der Baskischen Flüchtlingshilfe, der Heinrich-Böll-Stiftung, der Beobachtungsstelle für multinationale Unternehmen in Lateinamerika und von Global Witness

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4. Zusammenfassung

 

Diese Analyse hat sich mit dem Thema Staudämme in Lateinamerika befasst und sich dabei auf verschiedene Arten von Quellen, wie internationale Organisationen, soziale Bewegungen und akademische Studien, bezogen.

So konnten wir feststellen, dass Großstaudämme enorme Schäden in der lokalen Bevölkerung und in der Umwelt anrichten. Dies ist eine Dynamik, die nichts anderes tut, als die auf globaler Ebene registrierten Ungleichheiten auf nationaler Ebene zu reproduzieren, d.h. die systematische Verletzung der Menschenrechte aufrechtzuerhalten, welche zwar zum Schutz aller Menschen, die den Planeten bewohnen, konzipiert wurden, in der Praxis aber offensichtlich keine Anwendung findet, ebenso wenig wie der Schutz der Umwelt.

Alternativen

Angesichts dessen hat sich die lateinamerikanische und internationale Gemeinschaft erneut emporgehoben und solidarisch zusammengeschlossen, um das Land, die Kultur, die Arbeit, das Wasser und das Leben zu schützen. Siehe Dir interessante Beispiele dafür in unseren Videos an, wie z.B. solidarische Landwirtschaft, solidarische Energieerzeugung, emissionsfreier Gütertransport und bald noch viele andere.

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